Jetzt wirst du dieses Jahr doch noch einmal aus deiner Schublade gezogen. Ich nehme dich behutsam heraus und puste die dicke Staubschicht von deinem Deckel.
Lange her, das letzte Konzert…
Nach allem Urlaub und allen Kreativprozessen steht dieses Wochenende die finale Show für über ein Jahr an. Und die findet nicht etwa um die Ecke, sondern schlappe 2000 Kilometer entfernt in der Russischen Metropole Moskau statt. Kennen wir ja schon von letztem Jahr, da waren wir bereits hier und konnten uns von den feierlaunigen Russen begeistern lassen. Und umgekehrt natürlich!
So treffen wir uns – für manches Bandmitglied mitten in der Nacht – morgens um 8 am Proberaum, um das Nötigste an Equipment einzupacken. Nur Instrumente, mehr geht in den Flieger nicht mit. Der Rest wird uns dann vor Ort gestellt. Schnell noch ein paar T-Shirts und CDs aus unserem Shop dazu und los geht der Tross zum Flughafen. Ich fahre selbst, denn der Münchner Flughafen liegt direkt auf meiner Route nach Hause und so parke ich mein Auto für schlappe 25,-€ pro Tag am Terminal 1, wo wir bei Air Berlin gebucht sind. Die Kollegen steigen auch schon aus den Taxen und gemeinsam stellen wir uns am Schalter an. Tom von Fame fliegt auch mit, denn wir haben tatsächlich unsere erste offizielle CD-Veröffentlichung in Russland!
Der nette Herr am Schalter reserviert und zwei komplette Reihen, der Flieger ist aber zum Glück nicht besonders voll und wir können uns über mehrere Plätze verteilen. Ich wähle den am Notausgang, da hat man die meiste Beinfreiheit. Allerdings muss man zu Start und Landung seinen Pulli anziehen, denn der darf im Notfall nicht im Weg hängen und andere behindern. Kann schon ein ganz schöner Stolperstein sein, so ein Pulli. Stefan schluckt seinen Kommentar (der hier NICHT zitiert wird…) dazu gerade nochmal runter, bevor wir des Fliegers verwiesen werden. Dann geht’s auch schon los und wir heben ab.
Es wird ein ruhiger Flug, den unsere Crew – allen voran Martin – allein durch ihre Extrabestellungen finanziert. Currywurst aus der Sansibar (was für ein dämlicher Name), Sekt, Wein und plötzlich steht auch auf meinem Tischchen ein Glas mit Eiswürfeln und – Wodka. Ausgegeben von dem Herrn mit den Dreadlocks erklärt mir der Steward. Na, danke dafür… Der geneigte Leser ahnt, dass der Flug recht kurzweilig wird und schließlich tauchen wir in die bekannte Smogwolke von Moskau ein. Hier liegt Schnee und es ist kalt. Zumindest draußen. Dafür in ALLEN Räumen dieser Stadt so warm, dass ein T-Shirt reichen würde. Und überall Wolken und kein Sonnenschein. So sieht Winter aus.
Nach der Passkontrolle werden wir bereits von Mendor und Laura empfangen, die wir schon von letztem Mal kennen. Ein Sprinter mit vielen Sitzen holt uns ab und fährt uns zum Hotel. Das ist diesmal ein anderes und das ist gut so. Viel näher, eine Bar, die rund um die Uhr offen hat und – man glaubt es kaum – eine hauseigene Diskothek…
Am Hotel angekommen bleiben uns 1,5 Stunden, bis wir wieder zum Abendessen abgeholt werden. Die Zeit nutze ich, mich kurz in die Waagerechte zu begeben. Denn leider bekomme ich vom Fliegen immer rasende Kopfschmerzen. Eine Großpackung Dolormin extra ist deshalb immer dabei und wird auch am nächsten Morgen bei so manchen Kollegen dankbar in Anspruch genommen….
Unser Bus holt uns wieder zum Abendessen ab und wir fahren in ein gemütliches Lokal, wo es russische Spezialitäten gibt. Fast alle entscheiden sich für Blinis, oder auf Deutsch für Pfannkuchen mit unterschiedlichsten Füllungen. So manches Bierchen geht über die Theke und als schließlich der Strom ausfällt, bekommen wir kurzerhand romantische Kerzenbeleuchtung. Zur großen Freude unserer Raucher existiert in Russland kein Nichtraucherschutzgesetz und bald erkenn wir uns gerade noch so durch Nebelschwaden und Kerzenschimmer. Für die Nichtraucher – mich eingeschlossen – immer besonders „prickelnd“, nach kurzer Zeit von innen und außen wie ein alter Aschenbecher zu riechen. Aber gut, es sei ihnen vergönnt, wir sind ja bald wieder in Deutschland…
Nach dem ausgiebigen Gelage (man kann übrigens auch aus Pfannkuchen Pizza machen…) geht es zurück ins Hotel, wo wir uns in der Bar treffen und da weitermachen, wo wir im Lokal aufgehört haben… Nachdem mein Kopf immer noch nicht so recht will, verabschiede ich mich in mein Zimmer, bevor ein Teil noch in die Disko geht, um da mit dem weiter zu machen, mit dem sie eben in der Bar aufgehört haben…
Die Luft in meinem Zimmer ist so dick, dass man sie kauen kann und die Heizung hat, wie alle Heizungen in dieser Stadt, keinen Thermostat. Dafür gibt es ein Fenster und eine Klimaanlage, mit denen man gegen die Hitze vorangehen kann. Da frag ich mich, wieso es bei uns Energiepässe für Häuser gibt….
Am nächsten Morgen verteile ich im großen Stil Kopfschmerztabletten und bin insgeheim froh, den Absprung rechtzeitig geschafft zu haben. Umso lustiger, den anderen dabei zuzuhören, wie sie sich gegenseitig aufklären, was gestern Abend so alles passiert ist… Warum allerdings der Mantel einer russische Diskobesucherin plötzlich unter Pistazien verschwindet und das auch noch in einem Hotelzimmer wird wohl ewig ein Rätsel bleiben…
Nachdem auch der letzte kapiert hat, dass wir hier eine Zeitverschiebung von 2 Stunden haben und 12 Uhr Abfahrt 12 Uhr Abfahrt nach Moskauer Zeit und nicht nach Münchner Zeit (hier ist es erst 10…) heißt, können wir mit 40 Minuten Verspätung endlich zum Klub Tochka aufbrechen, wo die Sause heute Abend steigen wird.
Das Hotel liegt diesmal strategisch viel günstiger und wir fahren wesentlich kürzer als letztes Jahr. Schon die Fahrt vom Flughafen war um die Hälfte kürzer!
Im Klub angekommen begutachten wir, was uns an Equipment so hingestellt wurde und Murdock fängt gemütlich mit dem Aufbau an. Für heute Nachmittag ist noch eine Pressekonferenz geplant, an der die ganze Band teilnimmt. Mehrere russische Magazine berichten du stellen uns Fragen, die Laura an uns übersetzt und dann unsere Antworten wieder zurück. Viele Fragen und Fotos später sind wir durch und beginnen mit dem Soundcheck. Der läuft soweit ganz gut und wir bekommen Abendessen ala Karte.
Gegen 18 Uhr Ortszeit ist Einlass und eine halbe Stunde später beginnt die ersten der beiden örtlichen Vorbands mit ihrer Show. Bereits hier wird ausgelassen gefeiert. Für uns wird es schließlich Zeit, sich umzuziehen. Stefan, Hiasl und ich haben uns für die bayerische Variante entschieden und schlüpfen in die Lederhosen, nicht ganz so gut abgesprochen mit den Mädels, die in Glitzergewandung daherkommen. Ich hab dummerweise meine Haferlschuhe zuhause gelassen und meine Turnschuhe sehen zugegebener Maßen ziemlich dumm aus. Doch auch hier naht Hilfe: Mutti hat meine Schuhgröße und wir tauschen kurzerhand die Latschen. Er meine Lowe Treckinghalbschuhe in hellgrau und ich seine Dok Martins in Kackbraun. Auch nicht der Hit, aber etwas besser…
Dann ist es soweit und wir betreten jubelnd begrüßt die Bühne. Die ersten drei Nummern noch etwas verhalten, haben wir doch lange nicht mehr auf der Bühne gestanden und auch keine Zeit für eine gemeinsame Probe mehr gehabt, doch dann, als wären wir mit einem Mal von der Leine gelassen. Wir feiern und spielen mit und für die Russen, dass es einfach eine Freude ist. Und zum krönenden Abschluss singt am Schluss ein ganzer Saal auf Deutsch (!) „DANKESCHÖN“ für uns! Da laufen einem Schauer der Begeisterung den Rücken hinunter.
Auch hinterher werden wir stürmisch umlagert und ich habe noch nie so viele Menschen nach einem Konzert gesehen, die meinten „danke, dass ihr da wart!“. Danke, dass wir wieder hier spielen durften!
Der Abend klingt bei Bier und Wodka aus, und irgendwann werden wir von unserem Bus wieder eingesammelt und im Hotel ausgespuckt, wo sich Ähnliches abspielt wie am Abend zuvor…
Am nächsten Morgen sind Anna, Murdock und ich die einzigen, die es zum Frühstück schaffen und schließlich treffen wir uns alle in der Hotellobby, um uns zum Flughafen fahren zu lassen. Hier gibt es noch ein gemeinsames Mittagessen, bevor wir uns von unseren russischen Freunden verabschieden und auf den Weg durch die Sicherheitskontrollen machen. Passkontrolle, Nacktscanner (ja, hier gibt’s die wirklich!) und so weiter. Sogar vorm Einsteigen in den Flieger wird der Pass nochmal gesichtet, aber schließlich geht es los. Die 3 Stunden Flug bis München sind auch irgendwann rum und wir steigen aus, warten auf unser Gepäck und verabschieden uns schließlich. Ich steige in mein Auto, der Rest in die Taxen, die schon warten, dann geht es für mich erstmal Richtung Heimat. Und du, liebes Tagebuch, hast jetzt erstmal lange Zeit Ruhepause. Erhol dich gut und lass dir ein paar neue Seiten wachsen, damit ich dich 2011 wieder mit dem neuesten Klatsch und Tratsch von der Piste füttern kann!