DAS ist mir noch nie passiert! Ich sitze hier und versuche, das vergangene Wochenende revue passieren zu lassen und meinen Tour- bzw. in diesem Falle eher Erlebnisbericht – zu schreiben. Doch bereits 11 Mal habe ich alles, was ich bisher getippt habe, stumpf wieder gelöscht. Es gelingt mir einfach nicht, einen roten Faden zu finden. So viele Gedanken und Emotionen kreisen in meinem Kopf, doch ich schaffe es nicht, einen davon festzuhalten, denn sofort ist der nächste da, und der nächste, und der nächste… Mein Kopf fühlt sich an wie in Watte, ich befinde mich noch im Sinkflug, warte auf die Landung…
Ich möchte meinen Rückblick am 13.11. beginnen: Hier beginnt das gemeinsame Bibbern vor der großen Rutsche am nächsten Tag! Wir treffen uns mittags im Proberaum, um mit den musikalischen Gästen noch einmal zu proben. Da gab es bisher gar nicht soviel Gelegenheit. Benni und Schwibbs von der Instanz waren in China, Frau Schmitt mit Subway im Studio. Wir selbst unterwegs in Österreich und Russland. Heute schaffen wir es, alles noch einmal durchzuzocken. Neben den Streichern ist auch der Chor anwesend und bei moderater Zimmerlautstärke – es lebe das E-Schlagzeug… - spielen wir die Knackpunkte noch einmal an. Viel Zeit haben wir nicht wirklich, denn gegen 17 Uhr müssen wir ins Zenith aufbrechen, wo heute bereits Stellprobe und Soundcheck ist. Mit mehreren Autos fahren wir zur Halle und als ich sie betrete überfährt es mich fast wie ein Zug ein Wildschwein: „Scheiße, ist das Ding riesig!“ Ich hatte das Zenith ja groß in Erinnerung, aber SO groß nun auch nicht… Lustigerweise sagt das jeder der Kollegen… Bis zum Soundcheck geht jeder seinen eigenen Anliegen nach: Steht das Drumset richtig? Sind alle Sender auf die richtige Frequenz programmiert? Funktioniert die Ersatzvariante für den Fall der Fälle? Wohin mit den Spickzetteln? Außerdem ist Andy oben schon in der Küche zu Gange und gar köstliche Düfte locken zu kulinarischen Genüssen. Jetzt kann der Abend kommen!
Und wie er kommt! Etliche technische Komplikationen werfen uns im Zeitplan zurück und es wird eine lange Nacht, bis wir dann doch zufrieden die Bühne und die Halle verlassen, während unsere Crew noch bis in die Morgenstunden arbeitet.
Ich übernachte bei meinen Eltern um die Ecke, greife mir aus Vaters Vorrat noch 2 Bierchen und habe schließlich die nötige Bettschwere, um unter die Decke zu kriechen. Ich schlafe erstaunlich gut und wache erholt gegen 8 Uhr morgens auf. Lange hält es mich nicht hier und ich fahre ins Zenith, was sich als hervorragende Idee entpuppt! Andy lädt gerade frisch gebratenen Speck unter die Wärmelampe und mit einem Spiegelei dazu und einem Kaffee kann der große Tag starten!
Nach und nach trudeln meine Kollegen ein, in ganz unterschiedlicher körperlicher und psychischer Verfassung. Von total entspannt bis zu völlig nervös ist alles vertreten. Ich selbst bin immer noch erstaunlich ruhig. Noch… Gegen 14 Uhr ist noch einmal Soundcheck angesagt und die letzten Positionen werden besprochen, Kameraeinstellungen durchgekaut, persönliche Vorbereitungen getroffen, Strategien entwickelt.
Nach diesen Prozeduren, warten backstage einige Überraschungen auf uns: Extratours z.B. hat es sich nicht nehmen lassen, jedem von uns eine Holzkiste mit je 6 Schandmaul-Weinflaschen zu schenken, der liebe Holger von Wacken hat uns eigens Pullis bzw. Girlies anfertigen lassen, auch untereinander gibt es Geburtstagsgeschenke und vor der Halle wird die Schlange von Menschen immer länger. Da war er! Ein kurzer Anflug von Nervosität! Gerade noch mal abgewehrt, obwohl ich durchaus merke, wie mich mein körpereigenes Adrenalin in Hochstimmung versetzt. Und weil wir eh gerade etwas albern aufgelegt sind beschließen wir, Süßigkeiten aus dem Fenster zu werfen – sehr zur Freude der Fans und der Kamerajungs, die endlich wieder was zu filmen haben. Das ist heute überhaupt ein wenig seltsam: Überall hin begleitet dich eine Kamera, kein Satz fällt unbeobachtet, keine Gefühlsregung bleibt verborgen.
Die ersten Gäste kommen in die Halle und werden begrüßt, in mir beginnt der Kampf zwischen Aufgedreht sein und sich nach Ruhe sehen. Ich ziehe mich kurz zurück um unser Programmheft zu studieren, aber dann siegt doch der Herdentrieb und ich mische mich wieder unter Menschen.
Und dann kommt der Moment, dem wir etwa 1,5 Jahre entgegen gefiebert und –gearbeitet haben. Dann ist es soweit und wir werden zur Bühne abgeholt. Es ist etwa eine halbe Stunde vor Showbeginn. Hinter der Bühne steht unser „Altar“ bereit mit Sekt oder anderen Getränken. Wir wünschen uns Glück, zelebrieren unseren Handkreis, der Schlachtruf erklingt und wir gehen gemeinsam auf unsere Positionen. Die Bühne ist zum Publikum noch mit den Laken verhängt, die wir auf der Frühjahrstour dabei hatten und die tausende von Fans signiert haben. Hieraus wurde ein überdimensionaler Vorhang genäht, hinter dem wir jetzt stehen. Auf den Leinwänden draußen läuft unsere Diashow über 10 Jahre Bandgeschichte und schließlich kommt der Kurzfilm , den wir vor Wochen gedreht haben: Wir stehen im Kreis um eine Geburtstagstorte und zählen von 10 rückwärts. Spätestens hier ist die Halle aus dem Häuschen und zählt lauthals mit. Auf Null werden die Kerzen ausgepustet, glaichzeitig geht in der Halle das Licht aus und das Intro startet. Jetzt klopft mein Herz bis zum Hals, die Brust scheint zu klein dafür, jetzt gibt es kein Zurück mehr, jetzt gilt es! Noch 30 Sekunden, dann beginnen Birgit und Anna mit „Vor der Schlacht“ und zum Einsatz von Stefan, Hiasl und mir fällt der Vorhang! Was für ein Anblick! Ich bekomme spontan eine Gänsehaut und mich überkommt ein Schauer der Überwältigung! 7000 Menschen füllen das Zenith restlos aus und sind hier, um mit uns diesen Abend zu feiern. Wir schaffen tatsächlich nach wenigen Nummern, die Kameras auszublenden, ich mache mir nichts mehr aus den Funkstörungen in meinem In Ear, die kann jetzt eh keiner mehr beheben und wir legen uns in die Show wie in ein Wasserbett, lassen uns tragen von der Stimmung, genießen das Adrenalin, die Erschöpfung, die mit fortschreitendem Konzert in die Körper fährt, das gegenseitige Anstacheln, das Letzte zu geben, sich von der Euphorie mitreißen zu lassen. In diesem Moment bin einmal mehr unendlich stolz mit diesen Musikern und Freunden auf einer Bühne zu stehen und in diesem Moment zu ernten, was wir in den letzten 10 Jahren gesät haben!
Nach weit mehr als drei Stunden ist die letzte Zugabe vorbei, wir haben uns verbeugt, liegen uns gegenseitig in den Armen und können nach wie vor nicht fassen, was hier gerade passiert ist. Wie in Trance gehe ich in die Dusche, lasse abwechselnd heißes und kaltes Wasser über mich laufen, um etwas anderes zu spüren, doch im Moment kommt nichts durch. Als ich mich kurz setze um durchzuatmen fährt eine Erschöpfung in mich, die ich bei mir selten kenne. Ist es das? Das vielbeschriebene Gefühlsloch? Nein, bestimmt nicht! In so ein Loch kann man nur fallen, wenn man Bodenkontakt hat. Und der ist noch lange nicht wiederhergestellt.
Nach einer kurzen Verschnaufpause ist für unsere Gäste noch eine Aftershowparty in der Halle gegenüber angesetzt, auf der wir bereits erwartet und freudig begrüßt werden. Es bleibt nicht viel Zeit, mit einzelnen Menschen zu reden, ich brauche allein gut 1,5 Stunden, um alle bekannten Gesichter zu begrüßen. Weitere 1,5 Stunden später kann ich nicht mehr. Jetzt will ich tatsächlich nur noch Ruhe! Ich verabschiede mich von den Kollegen und Bekannten und fahre mit meiner Frau zu meinen Eltern, um dort zu übernachten.
Ich mache kein Auge zu! Kopfkino nennt man das wohl. Ich warte auf den Schlaf, der einfach nicht kommen will und stehe gegen 10 Uhr wieder auf. Kira und Fido, unsere beiden Hund sind mit dabei und ich nehme die beiden mit zu einem einsamen und sehr langen Spaziergang quer durch Wiesen und Felder. War das gestern wahr? Träume ich immer noch? Immer noch Sinkflug, vom Boden keine Spur…
Mit dem Aufwachen warten wir auch noch ein wenig, denn heute ist schließlich noch unsere große Geburtstagsparty im Backstage Werk! Rund 1700 Fans werden kommen und an Ausruhen ist nicht zu denken. Gegen 18 Uhr treffe ich bei der Halle ein, mache ein kurzes Interview und freue mich richtig auf den Abend. Die Jungs von der Instanz haben irgendeine Überraschung geplant und Tina und Kati vom Fanklub haben auch irgendwas vor…
Doch zunächst mischen wir uns einfach für die nächsten 2 Stunden in die Menge, lassen Fotos mit uns machen und geben Autogramme. Wir haben schon echt tolle und treue Fans!
Schließlich werden wir auf die Bühne gebeten und der Fanklub überreicht uns eine 22 (!!!) Meter lange Rolle, zusammengeklebt aus persönlichen Glückwunschbriefen der Fans an uns! Wir sind tief bewegt und wirklich jeder bekommt feuchte Augen. Auch Bus 20 fährt mit einer Überraschung auf und überreicht ein Kortonagenplakat. Wie in vielen anderen Bussen hatte sich hier ein kleiner Freundeskreis gebildet. Schließlich kommt noch die Kölner Abordnung und rührt uns erneut zu Tränen mit ihren Worten und ihren Gaben. Es gibt eine Medaille und eine Urkunde für jeden. So fühlt es sich also an, emotional überfahren zu werden…
Schließlich treten noch unsere Freunde von der Instanz auf, zeigen einen Videofilm, den sie auf ihrer Chinareise gefilmt haben und in dem nette Chinesen versuchen, „Happy Birthday, Schandmaul“, zu sagen. Urkomisch! Dann spielen sie selbst noch ein paar Covernummern von uns, ein Medley und „das Stimmlein“ und schließlich ist es 12 Uhr und Thomas hat Geburtstag. Wir mischen uns immer wieder unter die Fans, während DJ Mike, Alexx, Stefan und Schibbs auflegen und für Stimmung sorgen. Hinter den Kulissen feiern wir uns, unsere Crew, unsere Partner und die Kollegen von der Instanz und Frau Schmitt von Subway. Hier wird ein neues Kapitel in Sachen Bandfreundschaften geschrieben, das ist eine Verbrüderung! Vielen Dank, dass ihr diesen Tag mit uns erleben wolltet und so maßgeblich zu seinem Gelingen beigetragen habt!
Ich bin froh, dass jetzt unsere Tournee ansteht, denn so bleibt die Möglichkeit, dieses Wochenende zu verarbeiten, OHNE den Sturz in das tiefe Loch, so es sich dann auftut, irgendwann, irgendwo… Denn im Moment ist immer noch Sinkflug angesagt….
Aber es ist auch der Moment, kurz zurück zu blicken auf 10 Jahre 1. SC. Handmaul. Und Danke zu sagen. Danke an meine Mitmusiker, für alles! Danke an unsere Crew, allen voran Martin, der uns seit 10 Jahren begleitet und uns mit seinen Ideen und seiner Lichtshow immer wieder umhaut! Unserem Label für die außergewöhnliche und menschliche Zusammenarbeit in diesem „Haifischbecken“, Extratours, allen Freunden, Endorsern, allen, die für uns arbeiten . Danke auch all jenen, die uns immer wieder Steine in den Weg gelegt haben, ihr habt uns erst recht stark gemacht!!! Und Danke unseren Partnern zuhause! Ihr seid unser Rückenwind, ihr seid unsere Insel, danke, dass ihr uns aushaltet und in unserem Traum unterstützt!
Und Danke an unsere Fans! Ihr habt uns zu dem gemacht, was wir sind. Eine Band ist nichts ohne ihre Fans und IHR seid die Besten, die man nur haben kann! Es ist eine Freude, vor und für euch zu spielen! Wir verneigen uns an dieser Stelle für 10 Jahre Treue!
Ich merke gerade hocherfreut, dass ich tatsächlich ein paar Zeilen zusammengebracht habe, obwohl auch das wieder nur ein Bruchteil meiner Gedanken ist. Jetzt freuen wir uns auf eine tolle Tournee, auf den Busmief, die Hallen dieser Republik und vor allem auf die Shows selbst. Jetzt heißt es: Fahrwerk ausfahren, Landen, auftanken und dann wieder durchstarten.