„Moskau, Moskau, Russland ist ein schönes Land, wirf die Gläser an die Wand….“
Kaum einer von uns, der nicht diesen verdammten Ohrwurm in den Hirnwindungen hat, als wir uns am 30.10. zum Proben treffen. Morgen geht in aller Früh unser Flieger nach Moskau. Die wollen da nämlich ausgerechnet UNS hören. Und zwar live! Gut, sollen sie haben! Zwei geplante Termine in der Vergangenheit waren schon geplatzt, aber nach einigem Hin- und Her mit dem Visa-Antrag sollte es dieses Mal wohl tatsächlich klappen!
Wir zocken also gemütlich unsere Probe durch und ich fahre noch nach München in den Musicshop, um meinen Ersatzamp auf Vordermann bringen zu lassen. Der hat die letzte Tour nämlich nicht unbeschadet überstanden und bis zum 14.11. hätte ich ihn gerne wieder…
Am Freitag, den 31.10. klingelt um halb 7 erbarmungslos der Wecker, ich gabel unterwegs noch Thomas auf und gegen 7.45 Uhr treffen wir uns alle am Proberaum. Als erste Tagesaufgabe steht die geschickte Gepäckverteilung an: Jeder darf 20 Kilo im Flugzeugbauch mitnehmen und 6 Kilo als Handgepäck. Geige, Drehleier, Dudelsack und Co sowie eine von 3 Gitarren müssen als Handgepäck mit. Lichtgott Martin bekommt kurzerhand die Leier, ich nehme die Gitarre, kann dann aber keine zweite mehr als Gepäck aufgeben, weil mein Koffer jetzt mit T-Shirts für den russischen Fan vollgepackt ist und exakt auf 20 Kilo kommt. Also wird Tonmann Jochen kurzfristig Gitarrenbesitzer, ebenso Backliner Murdock. Weitere Merchartikel müssen noch auf die Koffer verteilt werden, aber irgendwann haben wir einen Plan entwickelt, wie alles und jeder an Bord kommen sollte. Kurz nach 8 kommt das Taxi und mit diesem und meinem Privatwagen tuckern wir los zum Münchner Flughafen.
Das erste Highlight dieser Reise wird der Gang durch die Kontrolle. Die netten Beamten am Sicherheitsschalter können mit dem, was sie da in ihrem Röntgengerät von der Drehleier sehen, nicht viel Anfangen und Martin muss den Koffer öffnen und dem Instrument ein paar Töne entlocken. Sehr zu unserer aller Freude ;-)
Schließlich sind wir tatsächlich alle an Bord der Maschine und starten termingenau. Zweieinhalb Stunden dauert der Flug für die rund 2000 Kilometer. Ich finde Fliegen ja so was von langweilig! Und dann auch noch so früh am Morgen! Dafür habe ich meinen Platz neben Martin und Tourmutti Dirk und damit zumindest viel zu lachen. Ich weiß jetzt immerhin, dass die Service-Ruftasten reine Placebo-Tasten sind. Da leuchtet zwar ein Lämpchen, die Stewardess hält aber außerplanmäßig nur, wenn man sie direkt antippt. Was auch des Öfteren geschieht. Schließlich reicht die reguläre Wurstschnitte gerade für den hohlen Zahn und so gibt es zumindest für Dirk und Martin noch Currywurst. Ich persönlich halte mich lieber an den lauwarmen Kaffee…
Aber auch der langweiligste Flug geht irgendwann zu Ende und als im Fenster eine gelbe Dunstglocke auftaucht wissen wir, dass Moskau nicht mehr weit ist. Und tatsächlich setzen wir 10 Minuten später zur Landung an. Jetzt nichts wie raus hier, damit alle Raucher (zu denen ich zum Glück nicht gehöre) ihren Nikotinspiegel in geordnete Bahnen bringen können…
Unsere Begleitpersonen für die nächsten 2 Tage erwarten uns bereits. Vasily, der weder Deutsch noch Englisch spricht, dafür aber ein netter Kerl im Vikingereroutfit ist, Mendor, der in etwa so gut Englisch sprich wie ich – verständigen ist also möglich ohne Anspruch auf grammatikalische Höchstleistung – und Laura, die wesentlich besser Deutsch spricht als ich Englisch. Das beruhigt schon mal ungemein. Nach der Passkontrolle und diversen anderen bürokratischen Schikanen sind wir draußen aus dem Gebäude und werden von einem 12-Sitzer Sprinter samt Fahrer empfangen. Dieses Gefährt wird uns das ganze Wochenende kutschieren. Etwa eine Stunde werden wir zum Hotel brauchen, meint Laura. Allerdings entspricht eine russische Minute etwa 2,5 Deutschen und so fahren wir vom Flughafen zum Hotel genauso lange, wie wir von München nach Moskau geflogen sind: 2,5 Stunden! Daran ist der Straßenverkehr in dieser 12 Millionen Stadt schuld. Wer glaubt, die Münchner Rushhour wäre eine verkehrstechnische Herausforderung, der irrt gewaltig! Kindergartenspielplatz gegen Moskau!!!! Hier fährt man 7-8 spurig in eine Richtung. Zumindest sind 7-8 Spuren markiert. Wenn’s eilig ist – und das ist es immer – werden da gerne auch mal 11-14 Spuren daraus. Bremsen und einfädeln lassen gibt es überhaupt nicht, dafür drängeln, ausbremsen, von der Spur schieben gepaart mit geschickten Ausweichmanövern die jeden Stuntman vor Neid erblassen lassen. Nichts für Herzkranke und Menschen mit schwachen Nerven! Wie durch ein Wunder kommen wir abends bei unserem Hotel an, checken kurz ein und werden gleich weiter ins Abendprogramm kutschiert. Es gibt lecker Abendessen mit Fleisch, Fisch, Nudeln, Käse, Vogel und Bier sowie diversen Beilagen. Erst kommt das Fleisch. Wer auf die Beilagen wartet, hat ein kaltes Essen. Hier isst man alles nacheinander. Das finde ich gut, das mach ich zuhause auch so…
Nach dem Essen geht’s weiter in den Klub, in dem wir morgen selbst spielen. Wir bekommen sonderbare Stempel, mit denen wir uns in die Chillout-Zone begeben können, wo wir nach Strich und Faden bedient und verwöhnt werden. Das Getränkt ist leer? Bitteschön! Hier ist ein Neues! Wir vertiefen unsere Gespräche mit den Gastgebern. Alle sind uns gegenüber unheimlich freundlich, zuvorkommend, herzlich. Man fühlt sich wohl in dieser Gesellschaft!
Da wir von der Reise aber doch ganz schön gerädert sind, verlassen wir gegen 1 Uhr den Klub und fahren – wieder mit unserem Privattaxi – zurück zum Hotel.
Ich teile mir mein Zimmer mit Murdock und die Nacht wird ein weiteres Highlight: Das Zimmer hat geschätzte 35 Grad, die Heizung lässt sich nicht abstellen, aber man kann mit der Klimaanlage ein wenig dagegen ankämpfen. Und dazu das Fenster aufreißen. Als wir endlich dazu kommen, das Licht zu löschen, flackern die Glühbirnen munter vor sich hin. Wie in einem schlechten Urwaldfilm. Als ich mich daran gewöhnt habe, fängt der Kühlschrank an zu röhren und als mich auch das nicht mehr stört, ist Murdock bereits im Reich der Träume und beginnt einen ganzen Wald abzuholzen. Seid wann verdammt noch mal schnarcht der Kerl so???
Ein wenig gerädert erwache ich am nächsten Morgen. Heute steht einiges auf dem Programm! Wir werden um 11 Uhr abgeholt zum Sightseeing. Unser Privattaxi bringt uns im nun schon gewohnten Moskauer Verkehrswahnsinn zum roten Platz, wo wir aussteigen und ab hier zu Fuß weitermachen. Wir bestaunen den Kreml, das Nationalmuseum, die berühmten Zwiebeltürme, das ewige Feuer… Auch die Metro müssen wir sehen. Die ist ebenfalls ein Erlebnis wert! Da gehen endlose Rolltreppen in die Tiefe, die Stationen, die wir sehen sind die reinsten Kunstwerke. Gewölbe mit Bögen, schmiedeeisernen Lampenhaltern, Statuen aus Bronze, Stuck an den Decken…. Beeindruckend!
Bevor wir in den Klub müssen, wartet noch eine der ältesten Straßen Moskaus auf uns. Hier bekommt man Souvenirs aller Art und Stefan und ich kaufen beim Großmeister seines Fachs, der aussieht wie der Weihnachtmann persönlich, je eine dieser Holzpuppen, die in ihrem Bauch 10 weitere, immer kleiner werdende Puppen beherbergen. Mabuschka oder Babuschka oder so heißen die…
Vor einem Mumu-Kaffee entdeckt Birgit die Patentlösung, die Dudelsackspielen auch einem asthmatischen Kettenraucher ermöglicht. Der Typ hat an seinen schottischen Kampfsack einfach einen Schlauchboot-Blasebalg angeschlossen. Auch ne Möglichkeit…
Wir gehen trotzdem lieber rein um etwas Nahrung zu uns zu nehmen, anstatt dem netten Herrn zu lauschen.
Viel Zeit ist eh nicht mehr, gegen 15 Uhr holt uns unser Taxi wieder ab und wir steuern den Klub an. Hier steht bereits ein Großteil der von uns georderten Backline. Das wird heute Abend Rock’n Roll pur! Keine Effekte, keine Sender. Verzerrer an / Verzerrer aus. Punkt. Kabel statt Funk. Beim Soundcheck ergeben sich einige Probleme mit dem In Ear Monitoring, die wir aber in den Griff bekommen und jetzt dem Abend entgegenfiebern. Es kommen etwa 800 Leute. Wir sind überrascht und begeistert zugleich, das hatten wir zu unserem allerersten Russlandkonzert nicht erwartet.
Und was wir dann erleben dürfen krönt diese Reise wirklich! Die Russen gehen offenherzig auf uns zu und feiern so ausgelassen, dass es eine wahre Freude ist! Wir werden nach dem Konzert auf unzählige Getränke eingeladen. Wer da nicht irgendwann die Reißleine zieht hat am nächsten Tag nix zu lachen. ICH schaffe den Absprung rechtzeitig und verabschiede mich von den Fans hier, um bei ein wenig Ruhe die Eindrücke der letzten 24 Stunden nachwirken zu lassen und zu verdauen.
Sollte es irgendwelche Skeptiker unter uns gegeben haben, wir wurden alle eines Besseren belehrt! Und wir nehmen die Einladung unserer russischen Freunde, nächstes Jahr wieder hierher zu kommen, dankbar an! Das machen wir doch glatt!
Gegen 4 Uhr morgens ist auch der letzte der Truppe eingesammelt, die Mädels erhalten von einem russischen Kavalier je einen Rosenstrauß in XXXL und wir bekommen auf der Heimfahrt eine Matthias-Soloshow vom feinsten geboten. So unterhalten und um ein paar Weltanschauungen bereichert erscheint die Fahrt zum Hotel nur halb so lang und in dieser Nacht stören mich weder flackernde Lampen, noch der Kühlschrank und schon gar kein Schnarchen aus dem Nachbarbett mehr.
Der nächste Tag ist wieder Reisetag. Die Fahrt zum Flughafen dauert diesmal tatsächlich nur eine gute Stunde, der russische Sicherheitscheck dafür umso länger und hier sehe und erlebe ich am eigenen Leib zum ersten Mal die viel diskutierten Nacktscanner.
Auf dem Flug ist mir dann wieder so langweilig, dass Dirk mir ein paar Kopfhörer schenkt und ich den unfassbar schlechten Film anschauen kann, der hier über den Bildschirm flimmert. In Düsseldorf noch einmal umsteigen und gegen 20 Uhr landen wir wieder in München. Ich verabschiede mich von den Kollegen und fahre mit einem Rucksack neuer Erinnerungen und Erfahrungen für 2 Tage zurück nach Hause. Kraft tanken für alles, was diesen Monat noch ansteht!